Mit gefalteten Händen schauen sie sich an – Mutter Teresa und Mahatma Gandhi – zwei Menschen, die Außergewöhnliches geleistet haben.
Auf meinem Weg über die High Line im Stadtteil Chelsea in New York an einem trüben Herbsttag im November fällt mein Blick zufällig auf dieses große Wandgemälde einer Häuserfassade mit der für New York so typischen Außentreppen. Ein brasilianischer Straßenkünstler namens Eduardo Kobra hat es gemalt, es trägt den Titel „Toleranz“ – wie ich später herausfinde.
Die beiden indischen Zeitgenossen, deren Blicke sich so freundlich begegnen auf dem großen Gemälde, haben sich nie persönlich getroffen. Gandhi war 40 Jahre alt als Agnes Gonxha Bojaxhiu (später bekannt als Mutter Teresa) geboren wurde und er starb bevor Mutter Teresas Werk in Indien in den 1950er Jahren richtig begann. Und doch vereint beide die große Kraft des Glaubens, aus der heraus sie Besonderes geleistet haben: Mahatma Gandhi war ein gläubiger Hindu. Er hat friedlich Widerstand gegen mächtige Politiker geleistet. Sein Widerstand trug dazu bei, dass Indien, damals unter britischer Kolonialherrschaft, ein unabhängiges Land wurde. Er trat für Freiheit und Gerechtigkeit ein und rief immer wieder zu einem friedlichen und toleranten Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen auf.
Mutter Teresa war katholische Christin. Bereits mit 18 Jahren trat sie einer Ordensgemeinschaft in Irland, dem Orden der Loretoschwestern, bei, die sich vor allem um die Ausbildung von Jugendlichen kümmert. Dort wurde sie als Missionarin und Lehrerin ausgebildet und nach Indien geschickt, wo sie viele Jahre an einer Schule in Kalkutta arbeitete. Sie gründete einen christlichen Orden, unter dessen Namen sie Schulen, Heime für Waisenkinder, Häuser für Kranke und Sterbende und Hilfestellen für alleinstehende Mütter gründete.
Lange bleibe ich auf der High Line in New York stehen und betrachte das Bild. Beeindruckt mit welcher Glaubenskraft die beiden erfüllt waren. Der Glaube motivierte ihr Handeln und trieb sie an, für ihre Werte einzustehen und sie zu leben, was in einem unermüdlichen Engagement für Menschen am Rand der Gesellschaft zum Ausdruck kam.
Dagegen erscheint mir mein eigener Glaube klein und brüchig. Und ich frage mich: Welche Werte sind für mich tragend und leitend im Leben? Wie will ich leben?
Mir fällt die Jahreslosung für dieses bald zu Ende gehende Jahr 2025 ein: „Prüfet alles und behaltet das Gute.“ (1. Thessalonicher 5, 21)
„Prüfet alles“ bedeutet, man soll die Geschehnisse im Leben, Glaubenssätze, auch Wahrheiten und Autoritäten kritisch hinterfragen und nicht einfach blind übernehmen. „Prüfet alles“ fordert uns dazu auf, immer wieder zu fragen: Nach welchen Werten willst du handeln? Aus welcher Kraft heraus lebst du? Woher nimmst du deine Motivation und Antriebskraft?
„Behaltet das Gute“ meint, es geht darum das Gute und Wert(e)-volle zu erkennen und festzuhalten. Was ein bewusstes Leben und bewusste Entscheidungen erfordert. „Behaltet das Gute“ schließt für mich auch ein, sich immer wieder an das Gute im Leben zu erinnern und dankbar zu sein.
„Prüfet alles und behaltet das Gute.“ – Meine Ansichten und Werte werden durch den Glauben immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Die Losung motiviert dazu, das eigene Leben zu reflektieren und aus dem Glauben und den eigenen Werten heraus Entscheidungen zu treffen, um bewusster zu leben. Sich immer wieder bewusst für das Gute, den Weg der Liebe und des Friedens, zu entscheiden. Mit dem eigenen Leben Gutes in die Welt zu tragen. Hierin können uns Mahatma Gandhi und Mutter Teresa Vorbild sein. Daran erinnere ich mich, wenn ich die Gesichter auf der farbenfrohem Hauswand in New York an Ecke W 18th Street 10th Avenue erblicke.
Der Glaube, Gottes Geist schenkt uns die Freiheit zu entdecken, wo unser Platz im Leben ist, an dem wir Verantwortung übernehmen für uns und andere.