„Ein jegliches hat seine Zeit“ (Prediger 3,1) – so steht es schon in der Bibel. Sommerzeit, Winterzeit, Lebenszeit, Freizeit, Arbeitszeit, Auszeit, Haltbarkeitszeit, … . Mal haben wir zuviel Zeit, mal zuwenig davon, mal möchten wir sie verschwenden, mal anhalten, manchmal vergessen wir die Zeit, mal rast sie uns davon, mal scheint sie still zu stehen. Es ist schon seltsam mit der Zeit.
Kann man Zeit überhaupt verlieren oder gewinnen? Zeit ist doch immer da, oder?
Wir erleben zumindest subjektiv Zeit ganz unterschiedlich. Zeit scheint keine absolute Konstante zu sein.
Zwischen unseren ganzen To-Do`s des Alltags, unseren engen Zeitfenstern, dem oft selbst auferlegten Zeitdruck sollten wir uns bewusst machen, wie unfassbar viel Zeit wir doch haben.
Wir leben in einer Zeit, in der die Beschaffung von Nahrung, Wasser, Kleidung kaum noch unsere Aufmerksamkeit erfordert. Einige Finger-Swipes auf einer Glasscheibe und es wird uns ein fertiges Menü serviert. Wir können mit Menschen sprechen, die sich auf der anderen Seite der Erde befinden, kostenlos. Und nahezu jede Frage des praktischen Lebens lässt sich per Internetrecherche klären, ohne uns auch nur erheben zu müssen. Wenn wir uns gehetzt, überinformiert fühlen, uns über Stress beklagen und Achtsamkeit vermissen, dann sollten wir uns bewusst werden, dass dies Symptome unserer Freiheit sind. Wir können nur deswegen den Eindruck haben, keine Zeit zu haben, weil wir frei sind – frei in der Gestaltung unserer Lebenszeit. Diese Freiheit können wir ebenso gut nutzen, daran zu denken, dass alle Zeit der Welt immer für uns da ist.
Wir können uns die Dinge nur nacheinander oder nebeneinander vorstellen. Mehr lässt unsere Vorstellungskraft nicht zu. Wir kreieren den Begriff „Zeitraum“ und leben danach und darin. Doch existiert er wirklich? Verläuft Zeit linear? Ist Zeit unaufhaltsam? Viele Physiker sprechen vom „Blockuniversum“, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig existieren. Zeit ist also demnach kein linearer Fluss, sondern eine feste Struktur, in der wir uns bewegen und die immer da ist. Eine interessante Vorstellung und lohnend mal darüber nachzudenken, was das für unser Leben bedeutet.
Auch die zwei griechischen Zeitbegriffe, Chronos und Kairos, helfen uns, Zeit differenzierter zu betrachten. Chronos bezeichnet die messbare, lineare Zeit, nach der wir uns richten – also die Uhrzeit, die Einteilung im Kalender nach Wochen, Monaten und Jahren. Chronos versteht Zeit quantitativ. Kairos hingegen ist der „rechte Augenblick“, ein qualitativer, flüchtiger Moment der Entscheidung, also die rechte Gelegenheit, die man ergreifen muss. Kairos ist erlebte Zeit. Vielleicht wären wir gut beraten, unseren Kalender von Zeit zu Zeit atmen zu lassen und uns dem Kairos hinzugeben. Denn „Zeit ist Leben und das Leben wohnt im Herzen“, wusste schon Meister Hora in Momo (von Michael Ende).