Neulich fragte ich in einer meiner Religionsklassen welche Fragen sie Gott gerne mal stellen wollten. Leo aus der 6. Klasse fragte „Wie sieht Gott mich an?“. Wow, was für eine Frage!
Täglich schaust du in den Spiegel und betrachtest dein Spiegelbild. Was siehst du beim Blick in den Spiegel? Traust du dich, wirklich hinzusehen? Was empfindest du, wenn du dich anschaust? Wie schaust du dich an? – Liebevoll oder eher kritisch? Und wie ist dein Blick auf andere?
Ich glaube so wie du dich selbst anschaust, so blickst du auch auf andere. Schaust du dich selbst liebevoll an und akzeptierst wie du nun mal bist, mit all deinen Flecken und Unzulänglichkeiten, befreit dich dieser Blick dazu, auch andere so anzuschauen und anzunehmen wie sie sind und dich zu lösen deinen Wert an dem festzumachen, wie andere dich anschauen.
„Wenn du mich anschaust, werd` ich schön“. Mit diesen Worten beginnt die chilenische Dichterin Gabriela Mistral eines ihrer Gedichte. Es ist eine wunderschöne Liebeserklärung. Wir sehnen uns alle nach einem solchen Blick der Liebe. Dieser liebende Blick, der im anderen, in mir, die Schönheit erkennt. Doch einen solchen Blick kann ich nicht herstellen, nicht steuern. Es liegt außerhalb meiner Macht, ob dieser Blick auf mich fällt, jemand meine Schönheit erblickt, mich liebt. Es ist ein Geschenk, eine Gnade, mit Augen der Liebe angeschaut, geliebt zu werden. Doch was immer möglich ist, ist zu lieben, den anderen mit Augen der Liebe anzublicken – unabhängig davon, ob dein Blick erwidert wird.
Vergiss nicht: Du bist bereits schön, nicht erst durch den Blick des anderen. Dein Wert gründet in einer Liebe, die unendlich viel größer ist, bedingungslos und unerschütterlich. Denn durch den Spiegel kommt dir noch ein anderer Blick entgegen. Es ist der Blick Gottes. Er schaut dich an. Es ist ein Blick der Liebe. In den Trümmern deiner Liebe, den Bruchstücken deines Lebens ist es der Blick Gottes, der bleibt und dich trägt, wenn alles vergeht.
„Denn jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild. Aber dann sehen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke. Aber dann werde ich vollständig erkennen, so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt. Was bleibt sind Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei. Doch am größten von ihnen ist die Liebe.“ (1. Korinther 13, 12f)